Handelskonflikt 2.0

Das Wiederaufflammen des Handelskonflikts zwischen den USA und China kam für viele überraschend – auch für uns. US-Präsident Trump hat in den vergangenen Wochen immer wieder auf den positiven Verlauf der Verhandlungen hingewiesen und damit angedeutet, dass eine Lösung in Reichweite sei. Doch das Blatt hat sich gewendet: Plötzlich wirft er den Chinesen Wortbruch vor und erhöht die Sonderzölle auf chinesische Importe im Wert von 200 Mrd. US-Dollar von 10% auf 25%. Die USA setzen damit im Handelsstreit mit China auf eine nächste Eskalationsstufe. Über die Hintergründe kann nur spekuliert werden: Verhandlungstaktik oder einfach nur Unberechenbarkeit mit einer Prise Jähzorn? Auf alle Fälle ist die Hoffnung auf eine gütliche Beilegung des chinesisch-amerikanischen Handelsstreits vorerst verflogen. Vielmehr zeigen die jüngsten Entwicklungen Trumps Bereitschaft, mehr wirtschaftlichen und politischen Schaden zu riskieren, da er anscheinend davon überzeugt ist, dass Handelskriege letztendlich gewinnbar sind. Zwar sollen nach offiziellen Angaben die Gespräche weitergehen, vorsorglich wurde aber der US-Handelsbeauftragte Robert Lighthizer beauftragt, zusätzliche Zölle auf chinesische Produkte im Wert von über 300 Milliarden US-Dollar und damit eine neue Drohkulisse vorzubereiten. Mit diesem Schritt wären alle Importe aus China mit Sonderzöllen belastet. Eine kurze Chronologie der Ereignisse entnehmen Sie nachfolgender Tabelle. Darin sind sowohl das Inkrafttreten der Zölle sowie der voraussichtlich betroffene Einfuhrwert aufgeführt.

Wer bezahlt die Zölle?

US-Präsident Trump versucht der Öffentlichkeit zu vermitteln, dass die Zölle vor allem von China getragen werden. In der Realität leiden aber nicht nur China, sondern auch die Amerikaner unter den Strafzöllen der eigenen Regierung. Zweifellos verteuern die Abgaben die Einfuhren von chinesischen Zwischen- und Endprodukten. Somit werden sowohl US-Unternehmen, als auch vor allem US-Konsumenten belastet. Schon vor der jüngsten Eskalation beklagten Experten, dass Trumps Zollspirale die Vereinigten Staaten im laufenden Jahr mindestens 0,1 Prozentpunkte an Wachstum kosten würde. Durch die neuen Raten könnte sich diese Zahl sogar verdreifachen, warnt das Beratungsinstitut Oxford Economics. Die Vergeltungsmaßnahmen gegen amerikanische Unternehmen, die China bereits angekündigt hat, sind da noch gar nicht berücksichtigt.

Die in 2018 erhobenen Zölle wurden noch derart ausgestaltet, dass vor allem chinesische Anbieter getroffen werden sollten. Die internationalen Supply-Chains waren das Angriffsziel. Dies wirkte sich aber natürlich auch auf US-Unternehmen negativ aus. Es war und ist aber immer noch die Hoffnung der US-Administration, dass die erhöhten Importkosten von den heimischen Produzenten mit einer reduzierten Marge kompensiert werden können. Die jüngste Zollerhöhung sowie die geplanten Maßnahmen dürften die US-Konsumenten jedoch deutlicher spüren, trifft die Zollerhöhung doch auf eine Bandbreite von etwa 5.700 verschiedene Produktkategorien zu. Meist handelt es sich um billige Konsumartikel, angefangen von gekochtem Gemüse über Weihnachtsbeleuchtung bis hin zu Hochstühlen für Babys. Werden die Zölle, wie angedroht, auf alle chinesischen Importe ausgeweitet, sind US-Konsumenten wieder die leidtragenden. Die Liste, der bis dato noch nicht mit Sonderzöllen belegten Güter lässt dies erahnen.

In einer aktuellen Studie stellen Forscher der US-Notenbank (FED) und der Universitäten von Princeton und Columbia unter anderem fest, dass letztlich die US-Verbraucher die gesamte Last der Zölle tragen werden, wobei sich deren Realeinkommen jetzt schon um 1,4 Mrd US-Dollar pro Monat (0,1% der Realeinkommen) verringert haben. Auch hier ist die jüngste Eskalation noch nicht eingerechnet.

Chinas Verhandlungsposition

Die zuletzt verschärfte Gangart der Trump-Administration zeigt, dass sie sich nicht mit einer Minimallösung zufriedengeben will, bei der die Chinesen zusätzliche Käufe von amerikanischen Produkten zusagen (Reduzierung des US-Handelsdefizits), aber bei strukturellen Fragen keine wirklichen Zugeständnisse machen. An dieser Position Chinas dürfte sich aber aus unserer Sicht vorerst nichts ändern, denn das Land verfolgt eine sehr langfristige Strategie und verfügt über eine komfortable Verhandlungsposition. Kurzfristige wirtschaftliche Schwächen und Verwerfungen können bis auf weiteres mit staatlichen Stimulierungsmaßnahmen gemildert oder gar ausgeglichen werden. Beispielhaft seien die derzeit aufgelegten Konjunkturpakete über 600 Mrd. US-Dollar zu erwähnen. Mit dem Senken der Mindestreserveanforderungen und dem Auflegen von weiteren Infrastrukturanleihen hat die chinesische Regierung dem Land Medizin für eine Eskalation und einen Abschwung bereits jüngst wieder verabreicht.

In den USA ist dies nur eingeschränkt möglich. So ist es für uns auch nicht verwunderlich, dass Trump und sein Vize Mike Pence in den vergangenen Wochen immer wieder die FED zu Zinssenkungen aufgefordert haben. Quasi ein gelpolitisches Auffangnetz für potentielle Wachstumseinbußen. Ebenso wurde eine Wiederaufnahme der Anleihekäufe (Quantitative Easing) angeregt. Letzteres könnte einmal wichtig und notwendig werden, wenn man bedenkt, dass China der größte Gläubiger der Vereinigten Staaten ist.

Es scheint, als benötige Trump einen „Deal“ nötiger als das Reich der Mitte. Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr ist er dringend auf eine starke Volkswirtschaft angewiesen. Immer wieder stellte er in der Vergangenheit seine Präsidentschaft aufgrund der robusten Konjunktur und steigenden Aktienkursen in ein positives Licht. Daran lässt er sich messen. Für den Kurseinbruch im letzten Herbst machte er die Zinserhöhungen der US-Notenbank verantwortlich. Wenn aber die Wirtschaft und die Kapitalmärkte wegen der Zölle schwächeln, die nichts anderes als eine Steuer für Konsumenten und Unternehmen darstellen, muss er das auf seine eigene Kappe nehmen. Damit würde die Wahrscheinlichkeit seine Wiederwahl deutlich sinken.

Chinas Planungshorizont dagegen ist wesentlich länger. Die Regierung wird nicht bereit sein, ihren überaus erfolgreichen und sehr langfristigen Wachstumsplan (über 50 Jahre!) für einen US-Präsidenten zu opfern, der spätestens in fünf Jahren nicht mehr im Amt sein wird. Und die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, dass Trumps Nachfolger dessen aggressive und rücksichtslose Wirtschafts- und Außenpolitik fortführen wird.

Wir gehen davon aus, dass auch die chinesische Seite einen eskalierenden Handelskrieg vermeiden will. Schließlich feiert das Regime im Oktober 2019 den 70. Jahrestag der Volksrepublik. Idealerweise kann zuvor eine gesichtswahrende Einigung präsentiert werden. Die Gespräche werden weitergehen, Eskalation und Entspannung dürften sich in diesem Prozess immer wieder abwechseln. Gut möglich, dass man sich in Handelsfragen annähert, die grundlegenden Dinge sind aber kaum zu lösen, geht es doch um den globalen Machtanspruch zweier unterschiedlicher Systeme. So unterstrich Chinas stellvertretender Premierminister Liu He seine Anforderung an eine Einigung. Der Text „muss für die Würde eines Landes ausgewogen sein“, sagte er. Liu bekräftigte, China und die USA versuchten „sich auf halbem Weg zu treffen“, trotz unterschiedlicher Ansichten zu einigen wichtigen Themen. Wir gehen davon aus, dass beide Verhandlungsseiten zu einer gesichtswahrenden Lösung in den kommenden Wochen gelangen werden. Zu viel steht auf dem Spiel. Aufgrund der geopolitischen Dimension, dürfte es aber wohl nicht mehr werden als eine Art Waffenruhe.

Die Kapitalmärkte reagieren nervös

Es gibt viele Einflussfaktoren auf die Konjunkturentwicklung und die Unternehmensgewinne. Der Handelskonflikt ist nur einer davon, wenngleich ein wichtiger. Wenn sich die zwei weltweit größten Volkswirtschaften streiten, hat das in einer globalisierten Welt weitreichende Konsequenzen. 19 % der chinesischen Exporte finden den Weg in die USA; nach China gehen 7% der US-Exporte. Eine Beeinträchtigung dieser Handelsströme kann empfindliche Konsequenzen für Drittländer im Rahmen internationaler Wertschöpfungsketten bedeuten. Erste Symptome sind bereits erkennbar. Hat dieser Handelskonflikt das Potential die Weltwirtschaft in eine Rezession zu stürzen? Wir glauben nicht, da insbesondere China (siehe oben) als auch die USA mit fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen gegensteuern könnten. Ein konjunktureller Belastungsfaktor bleibt die jüngste Eskalation aber allemal. In einem Umfeld, in dem viele westliche Volkswirtschaften mit einer Konjunktur-abkühlung konfrontiert werden, kommt die Zuspitzung allerdings zur Unzeit, ging die Börsenrally doch mit einem insgesamt schwächeren wirtschaftlichen Umfeld einher. Das zarte Pflänzchen einer konjunkturellen Belebung im verarbeitenden Gewerbe könnte zertrampelt werden. Zudem ist dies alles andere als ein gutes Vorzeichen für den schwelenden Konflikt mit der EU zum Thema Autoimporte.

Folgerichtig hat die Entwicklung auch Spuren an den Kapitalmärkten hinterlassen. Die Aktienkurse gaben auf der ganzen Welt nach, vor allem in China. Insbesondere bei Aktienanlagen haben die Risiken für die Unternehmensgewinnperspektiven, die maßgeblich von einem funktionierenden internationalen Handel abhängen, maßgeblich zugenommen.

Da die Weltwirtschaft nach wie vor wächst, besteht für Anleger aber noch kein Anlass zur Panik. Korrekturen sind aber unbedingt einzuplanen. Mit unserer stärkeren Ausrichtung auf höherwertige Anlagen haben wir schon vor Monaten damit begonnen, unsere Portfolios etwas widerstandsfähiger zu machen. Sollte der sich zuspitzende Streit in eine Spirale von neuen Zöllen und weiteren Gegenmaßnahmen münden, müssten wir das Risiko in unseren Strategien allerdings noch weiter reduzieren.