Eine Welt widersprüchlicher Signale

In einem Umfeld zunehmender ökonomischer Risiken und rückläufigem Wirtschafts-wachstum ist in der Kapitalanlage erhöhte Wachsamkeit angebracht. Anleger haben in diesen Wochen extrem widersprüchliche Signale zu bewerten. Während die Konjunkturindikatoren insbesondere in Europa, sich in Teilbereichen deutlich verschlechtern, signalisieren die Notenbanken weltweit ihre Entschlossenheit, das Finanzsystem mit hoher Liquidität zu versorgen. Aber ist das ausreichend? Ausreichend, um diesen historischen Konjunktur- und Börsenauf-schwung weiter am Leben zu erhalten? Im März feierte der Aufschwung am Aktienmarkt seinen zehnjährigen Geburtstag. Seit März 2009 stieg der amerikanische Aktienmarkt durchschnittlich über 12 Prozent pro Jahr. Die meisten internationalen Aktienmärkte beteiligten sich an der Party. Was verursachte diesen phänomenalen Anstieg und was bedeutet das für die Zukunft?

Wie wir immer wieder betonen, kann die Geldpolitik als ursächlich für den Aufschwung der meisten Anlagegüter herangezogen werden. Die extreme geldpolitische Stimulierung erzeugt eine nachhaltige Inflation der Vermögenspreise. Skeptiker führen immer wieder das Argument an, dass dieser künstliche Aufschwung in absehbarer Zeit zu Ende geht und die Vermögenspreise implodieren, wenn sich die Geldpolitik wieder normalisiert. Dieser Behauptung stimmen wir zwar zu, halten aber eine restriktivere oder normalisierte Geldpolitik für ausgeschlossen. Und zwar auf unbestimmte Zeit. Es wird seitens der Notenbanken immer wieder Versuche geben, eine Art „Normalisierung“ einzuleiten. Dies aber verursacht früher oder später konjunkturelle Bremsspuren und Turbulenzen an den Kapitalmärkten. Die Folge ist eine noch expansivere monetäre Gangart. Das Jahr 2018 und die Kehrtwende der Notenbanken im ersten Quartal 2019 war dafür ein mustergültiges Beispiel. Für uns stellt sich die Frage, ob die bislang eingeleiteten und verbal angekündigten Maßnahmen den weltweiten konjunkturellen Wachstumspfad stabilisieren können. Wenn ja, ist mit einem weiteren Aufschwung der Vermögenspreise in diesem Jahr zu rechnen. Wenn nein, könnte es an den Börsen noch ein wenig ruppig werden, bis weitere geld- und fiskalpolitische Hilfspakete erzwungen werden. Der Kontrolle des Risikos in der Vermögensanlage sollte daher in den kommenden Monaten weiterhin eine erhöhte Bedeutung zukommen.

Notenbanken reagieren auf schwächere Fundamentaldaten

Aus unserer Sicht wird sich die Weltwirtschaft im Jahresverlauf moderat abschwächen. Dies konstatiert mittlerweile auch der Internationale Währungsfonds (IWF). Das globale Wirtschaftswachstum hat laut IWF-Chefin Christine Lagarde weiter an Dynamik verloren. Sie verwies auf zunehmende Spannungen im Handel und schwierigere Finanzierungs-bedingungen. Allerdings würde die Neuausrichtung der Federal Reserve und anderer Notenbanken in der Zins- und Geldpolitik in der 2. Jahreshälfte 2019 das Wachstum unterstützen. Der IWF hatte zuletzt im Januar die Wachstumsprognose für die Weltwirtschaft per 2019 von 3,7 Prozent auf 3,5 Prozent gekürzt. Wir gehen davon aus, dass diese Prognose in den kommenden Wochen weiter nach unten angepasst werden muss. Insbesondere in Europa zeigen sich dunkle Wolken am Konjunkturhimmel. So hat EZB-Chef Mario Draghi jüngst den Ausblick für das Wirtschaftswachstum der Euro-Zone für 2019 von 1,7 Prozent auf nur mehr 1,1 Prozent eingedampft. Beim Blick auf die anhaltend schwachen Konjunkturdaten aus der Eurozone müsste vielen Investoren klar sein, dass das längst nicht die letzte Senkung der Prognose sein dürfte. Zwar entwickelt sich die Binnennachfrage weiterhin erfreulich, aber das verarbeitende Gewerbe kämpft mittlerweile in weiten Teilen mit rezessiven Tendenzen. Was die Entwicklung vieler Aktienkurse von Gesellschaften in konjunktursensiblen Branchen bereits im vergangenen Jahr angekündigt hat, zeigt sich nun an den harten Konjunkturzahlen. Davon bleibt auch Deutschland nicht verschont. Der deutschen Wirtschaft geht zunehmend die Luft aus. Im Februar sind die Auftragseingänge um mehr als 4 Prozent eingebrochen, so stark wie seit zwei Jahren nicht mehr. Die Bestellungen aus dem Ausland schrumpften gleich um 6 Prozent. Die Schwäche der deutschen Wirtschaft hat im vergangenen Jahr in der Autobranche begonnen und sich seitdem auf die gesamte Industrie ausgebreitet. Die Konjunktur schwächt sich immer stärker ab. Manche sprechen von einer drohenden Rezession. Umgekehrt ist der Arbeitsmarkt aber so stabil wie selten. Die Arbeitslosenquote ist in Deutschland so niedrig wie zuletzt vor 40 Jahren. Also auch in Deutschland: Eine Welt voller widersprüchlicher Signale.

Stehen wir nun unmittelbar vor einer großen Rezession? Wir erachten die Wahrscheinlichkeit dafür als gering. Erstens dürften sich die politischen Risiken langsam zurückbilden. Sowohl beim Handelskonflikt zwischen USA und China als auch im Brexit-Chaos stehen die Zeichen auf Entspannung. Dies könnte konjunkturelle Nachholeffekte auslösen. Zweitens lassen sich erste zarte Pflänzchen einer Konjunkturerholung in China ausmachen. Und drittens haben die mächtigen Notenbanken bereits eingelenkt.

Weder werden die Federal Reserve und schon gar nicht die Europäische Zentralbank (EZB) auf absehbare Zeit die Zinsen erhöhen. Ganz im Gegenteil, die Zinsen werden fallen. Die Notenbanken werden alles tun, um eine Rezession zu unterbinden, ansonsten ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis unser auf Kredit und kontinuierlichem Wachstum basierendes Wirtschafts- und Finanzsystem kollabiert.

China – Hoffnung für die Weltwirtschaft

China ist mächtig. China ist wichtig. Das Land der Mitte trägt knapp 40 Prozent zum weltweiten Wirtschaftswachstum bei.

Insbesondere in der exportorientierten europäischen Wirtschaft sind derzeit alle Augen gegen Osten gerichtet. Erholt sich das Land, erholt sich die globale Wirtschaft. Kein Wunder also, dass auch wir den konjunkturellen Datenkranz aus China sehr genau beobachten. Einige Frühindikatoren geben in der Tat Anlass zur Hoffnung. Einzelne Einkaufsmanagerindizes könnten einen Boden gefunden haben. Auch die Geldmenge M1 könnte sich stabilisieren. Die von der Regierung implementierten Maßnahmen sollten demnächst ihre Wirkung entfalten.

Obwohl die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr ein reales Wachstum von 6,8 Prozent erreichte, haben diverse Einflussfaktoren (Schuldenabbau, Handelsstreit etc.) deutliche Bremsspuren hinterlassen. Als Reaktion wurde nun ein umfangreiches Konjunkturprogramm geschnürt. Im laufenden Jahr setzt die Regierung dem Abschwung eine aktive Fiskalpolitik, eine weitere Lockerung der Geldpolitik und das Fortsetzen von Strukturreformen entgegen.

So wurden im Zuge einer Steuerreform die Steuern und Abgaben für Unternehmen deutlich gesenkt. Diese Entlastungen sollten im laufenden Jahr ihre volle Wirkung entfalten können. Darüber hinaus wurde beschlossen, insbesondere die privatwirtschaftlichen Unternehmen besser mit Krediten zu versorgen, um damit die Finanzierungskosten zu reduzieren. Sollten diese Bemühungen nicht den gewünschten Erfolg bringen, halten wir auch Zinssenkungen der Notenbank für möglich. Und schließlich werden die Investitionen in die Infrastruktur belebt. Während im Jahr 2018 die Ausgaben für den Ausbau der Infrastruktur stagnierten, sollen diese im laufenden Jahr durch die Bereitstellung der entsprechenden Finanzierungs-möglichkeiten wieder um 6 bis 8 Prozent wachsen.

Dieses Maßnahmenbündel stärkt unsere Erwartung, dass sich die chinesische Wirtschaft allmählich stabilisieren wird. Die China-Exporte Deutschlands und des Euroraums sollten sich entsprechend in der zweiten Jahreshälfte erholen und wieder für Zuversicht an den Börsen sorgen.

Ein erfreuliches erstes Quartal an den Kapitalmärkten: Und nun?

Viele Anlageklassen haben sich im ersten Quartal gut entwickelt. Wir führen diese Bewegung in erster Linie auf den abrupten Strategiewechsel der Notenbanken zurück. So hat die Federal Reserve ihren Plan der graduellen Zinserhöhungen wieder in der Schublade verschwinden lassen. Zusätzlich wirkten die Entspannungssignale im Handelsstreit zwischen USA und China

unterstützend. Die große Frage ist nun: Wie weit können insbesondere die Aktienmärkte mit dem geldpolitischen Rückenwind noch steigen, wenn sich gleichzeitig die ökonomischen Rahmenbedingungen eintrüben? Aus unserer Sicht haben die Kapitalmärkte sowohl die Handelsentspannung als auch die Geldpolitik mittlerweile adäquat eingepreist. Nun müssen sich die Konjunkturdaten stabilisieren mit entsprechend positiven Implikationen auf die Unternehmensgewinne. Der Abwärtstrend beim Wirtschaftswachstum muss in eine neue Belebung übergehen.

Die Voraussetzungen dafür sind zweifelsohne gegeben. Es sieht so aus, dass die aktuelle Konjunkturschwäche nur unter außer-gewöhnlichen Umständen (ungeordneter Brexit, neue Handelsbeschränkungen etc.) zu einer Rezession in den kommenden Monaten führen wird. Die zyklischen Schwankungen der Wirtschaft werden auch in Zukunft geringer sein, als wir das aus den vergangenen Jahrzehnten kennen. Dafür sorgt die (Geld-) Politik. Das sind auch gute Nachrichten für den Kapitalmarkt. Die Aktienkurse werden nach Auslaufen des Abschwungs weiter steigen. Die Zinsen bleiben niedrig. Kurzfristig sind allerdings Rückschläge an den Aktienmärkten möglich und sichere Häfen wie gute Anleihen sowie Gold sollten im Blick der Anleger bleiben.