Durchbruch bei Gentherapien

Novartis und Gilead schaffen 2017 die Wende

Die Geschichte von Gentherapien ist noch vergleichsweise jung. Der erste Patient ist 1999 kurz nach Behandlungsbeginn gestorben. Das erste gentherapeutische Medikament, das 2012 in einem westlichen Land zugelassen wurde, nahm der Hersteller fünf Jahre später mangels kommerziellen Erfolgs vom Markt. Doch jetzt kam für Gentherapien der Durchbruch.
Von Mario Linimeier, Managementteam der Firma Medical Strategy

Der 18-jährige Amerikaner Jesse Gelsinger hatte an einer erblich bedingten Stoffwechselstörung der Leber gelitten. Mit Hilfe der Gentherapie sollte seine Erkrankung behandelt werden. Doch die Therapie schlug fehl. Vier Tage nach Behandlungsbeginn starb Gelsinger im September 1999.

Glybera, die erste Gentherapie mit einer Zulassung in einem westlichen Land,
scheiterte ebenfalls – das Medikament war zu teuer, es mangelte an geeigneten Patienten und der therapeutische Nutzen war begrenzt. Die noch junge Geschichte von Gentherapien begann mit mehreren Fehlschlägen.

Körpereigene Immunzellen gegen Krebs Doch im vergangenen Jahr zeichnete sich eine Trendwende ab. Mit den beiden CAR-T-Ansätzen von Novartis und Gilead haben zwei Gentherapien, die als ausgesprochen aussichtsreich gelten, von der amerikanischen Gesundheitsbehörde FDA die Zulassung erhalten. Bei diesen Behandlungsmethoden werden körpereigene, genetisch modifizierte Immunzellen, sogenannte T-Zellen, zur Krebsbekämpfung eingesetzt. Sie erkennen die entsprechenden Tumorzellen und töten sie ab. Für das herkömmliche Immunsystem sind die Tumorzellen gewissermaßen „unsichtbar“. Novartis erhielt im August 2017 die Zulassung für Kymriah. Mit der Therapie wird eigentlich therapieresistente beziehungsweise
wieder auftretende, akute lymphatische Leukämie behandelt. Dabei handelt es sich um eine Art von Blutkrebs. Die Kosten belaufen sich auf 475.000 USD pro Therapie. Eine Zulassung in Europa dürfte in absehbarer Zeit folgen. Yescarta von Gilead wurde nur wenige Wochen nach Kymriah von der FDA durchgewunken. Das innovative Medikament dient der Behandlung von ebenfalls bislang therapieresistentem beziehungsweise wieder auftretendem diffus großzelligem B-Zell-Lymphom – einer weiteren Blutkrebsform. Gilead bekam Zugang zu Yescarta durch die Übernahme von Kite Pharma. Die Transaktion kostete zwölf Mrd. USD. Bei Yescarta belaufen sich die Kosten auf 375.000 USD pro Behandlung. Sowohl Kymriah als auch Yescarta haben bislang schwerwiegende Nebenwirkungen.

Dazu zählen unter anderem hohes Fieber, grippeähnliche Symptome und neurologische Schäden. Doch der therapeutische Nutzen überwiegt bei
Weitem. In den klinischen Studien lieferten beide Medikamente bei Patienten mit den entsprechenden Blutkrebs-Erkrankungen beeindruckende Ergebnisse. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Patienten eigentlich als austherapiert galten und kaum mehr Behandlungsoptionen offenstanden. So darf Yescarta bislang nur dann zum Einsatz kommen, wenn die Patienten zuvor auf mindestens zwei andere Behandlungsmethoden nicht angesprochen haben. Weitere Gentherapien vor dem Durchbruch. Im Dezember 2017 erteilte die FDA mit Luxturna von Spark Therapeutics der ersten in-vivo-Gentherapie die Zulassung. Das Produkt wird zur Behandlung einer seltenen Form der genetischen Erblindung verwendet. Voraussetzung ist jedoch, dass noch intakte Sinneszellen im Auge vorhanden sind. In klinischen Studien führte Luxturna teilweise zu einer deutlichen Verbesserung der Sehleistung bei Dämmerlicht. Auch hier sind die Behandlungskosten mit 425.000 USD pro Auge – meistens sind beide Augen betroffen – beträchtlich.
Es gibt weitere aussichtsreiche Indikationsgebiete für Gentherapien. Viele zielen auf Hämophilie ab, umgangssprachlich die Bluterkrankheit genannt, bei der die Blutgerinnung gestört ist. Das renommierte New England Journal of Medicine titelte bereits, dass eine Heilung von Hämophilie in Reichweite sei. Außerdem ist ein aussichtsreicher gentherapeutischer Ansatz zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie, also von Muskelschwund, in Entwicklung.

Keine Einbahnstraße

Die jüngsten Behandlungserfolge zeigen, dass verschiedene Gentherapien den Sprung vom Labor in die Praxis erfolgreich geschafft haben. Dennoch sind noch einige Fragen offen. So fehlen bei diesen noch jungen Behandlungsmethoden bislang Langzeitdaten zur Wirksamkeit und
Sicherheit. Auch die Zahl der therapierten Patienten ist noch vergleichsweise gering. Dazu kommt die Kostenproblematik. Die genannten Preise belegen, dass im Vergleich zu herkömmlichen Behandlungsmethoden teuer sind.
Den hohen Einmalkosten steht jedoch eine potenziell lebenslange Wirksamkeit gegenüber – im optimalen Fall müssen die Patienten nur einmal behandelt werden. Dies erfordert wahrscheinlich neue Preismodelle. In der Diskussion ist beispielsweise, dass die Krankenkasse nur zahlt, solange die Therapie wirkt („pay per performance“). Faktoren des kommerziellen Erfolgs
Neue innovative Gentherapien werden sich insbesondere dann kommerziell
durchsetzen, wenn folgende Voraussetzungen gegeben sind:
1. Es existieren kaum oder gar keine alternativen
Therapieansätze.
2. Bei der frühzeitigen Behandlung besteht
ein klarer klinischer Nutzen.
3. Konkurrierende gentherapeutische Ansätze
sind nicht in Sicht.
4. Für konkurrierende Follow-on-Produkte
gibt es hohe Markteintrittsbarrieren.
Das Scheitern von Glybera hat gezeigt,dass für den kommerziellen Durchbruch der Gentherapie neben einem klaren klinischen
Nutzen auch die Vermarktungsstrategie entscheidend ist. Für Arzneimittelhersteller ist die Einführung gentherapeutischer
Präparate mit einem Lernprozess gleichzusetzen, bei dem neue Preismodelle
und Vermarktungsmethoden gefunden werden müssen.

Von Mario Linimeier, Managementteam der Firma Medical Strategy

 

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