China-Trends: Tourismusboom – Chinas neue Mittelschicht ist der beste Wachstumstreiber

Liegt das Wirtschaftswachstum in China 2017 bei knapp 7 oder in Wirklichkeit „nur“ bei 4 bis 5 Prozent – und was heißt das für uns? Solche Fragen beschäftigen die Wirtschafts- und Finanzpresse vorrangig. Was dieser Fokus auf das BIP verbirgt: In China wächst eine qualifizierte und gebildete Mittelschicht heran, die mehr Mitglieder hat als die gesamte USA Einwohner. Dieses Wachstum wird die Zukunft in den nächsten Jahren prägen. Viele Bereiche – etwa der Tourismus – werden sich dadurch sehr dynamisch entwickeln.

Man muss die Zahlen über China in Relation zu anderen Ländern setzen – erst dann wird ihre enorme Dimension begreifbar: In den USA, dem Land mit der weltweit drittgrößten Bevölkerung, leben 321 Millionen Menschen; in der gesamten Europäischen Union rund 500 Millionen. In China indes wird allein die Zahl der städtischen Haushalte bis zum Jahr 2022 auf rund 350 Millionen (rund 900 Millionen Menschen) wachsen. Gut 300 Millionen Haushalte sollen dann über mehr als 9.000 US-Dollar jährlich verfügen, rund 220 Millionen sogar über 15.000 bis 34.000 Dollar – das entspricht eine realen Kaufkraft, die zwischen der von Brasilien am unteren und der von Italien am oberen Ende rangiert.

Gut ausgebildet und neugierig auf die Welt

Obwohl es viele Deutsche nicht wissen: Die chinesische Mittelschicht ist nicht nur gut ausgebildet und teils sogar hoch qualifiziert bzw. spezialisiert. Sie eint zudem der unbändige Wunsch zu lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Dazu gehört, dass immer mehr Chinesen im In- und Ausland verreisen wollen und es sich auch leisten können. Getrieben wird der Wunsch, die Welt kennenzulernen, von den sozialen Medien, über die sich dieses Volk mit Freunden und Bekannten offenbar stärker austauscht als der Rest der Welt – auch über den Urlaub. Nach einer Studie von McKinsey leben in China die weltweit aktivsten Social-Media-Nutzer: 95 Prozent der Befragten haben ein Konto bei einer Plattform wie WeChat oder Sina Weibo.

Bei 8.000 Dollar pro Kopf erwacht das Fernweh

Die Erfahrungen mit Japan, Korea und Taiwan in den 1980er – und 1990er-Jahren zeigen: Bei einem Pro-Kopf-Einkommen von rund 8.000 US-Dollar erwacht bei den Asiaten die Reiselust, vor allem auf das Ausland. Nach Einschätzung des Internationalen Währungsfonds dürften die Chinesen diese Einkommensgrenze soeben erreicht haben. Zieht man ins Kalkül, dass derzeit nicht einmal zehn Prozent der Chinesen ins Ausland reisen, wird deutlich, welche Chancen sich für die Tourismus-Industrie ergeben. Ein gutes Indiz für das mögliche Wachstum sind die Inlandsreisen: In fünf Jahren hat sich die Zahl der Reisenden auf 25 Prozent der Bevölkerung verdoppelt.

Tourismus-Industrie vor starkem Wachstum

Ein Boom der Tourismus-Industrie in China erscheint uns auch aus anderen Gründen wahrscheinlich. So haben immer mehr chinesische Arbeitnehmer Anspruch auf bezahlten Urlaub – eine Erkenntnis, die sich bei Unternehmen und Mitarbeitern aber erst langsam durchsetzt: Viele Beschäftigte nehmen bislang, wenn überhaupt, nur sechs oder sieben Tage bezahlten Urlaub und verzichten damit auf gut 30 Prozent ihrer Erholungszeit.

Aktienkurse von Reiseveranstaltern verdreifachen sich

Eine bessere Durchsetzung dieses Anspruchs durch den Staat dürfte dies ändern und dem Tourismus einen kräftigen Schub geben. Auch weitere Lockerungen bei der Visa-Politik, der Bau neuer Flughäfen und die Schaffung neuer Destinationen wirken in diese Richtung. Dieser Trend ist auch für Finanzinvestoren durchaus von Interesse: So hat sich der Aktienkurs von börsennotierten Reiseveranstaltern wie Ctrip.com in den vergangenen vier Jahren mehr als verdreifacht.

Fazit: Unabhängig davon, wie hoch das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr ausfällt – in China entsteht in den kommenden Jahren eine zunehmend kaufkräftige Mittelschicht, die es von der Bevölkerungszahl her mit der kompletten Europäischen Union aufnehmen kann. Dies wird die Weltwirtschaft weitaus gravierender verändern, als es sich die meisten Deutschen, aber auch viele Anleger derzeit vorstellen.

Von Dr. Clemens Kustner, ASPOMA Asset Management, September 2017

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