Aktueller Marktbericht zu REITs

Beitrag von Götz-Bodo Druschke, B&I Capital AG

REITs haben sich im Aktienausverkauf von September bis Oktober 2018 aufgrund Ihres defensiven Charakters noch gut gehalten, wurden aber dann im Dezember zusammen mit allen anderen Sektoren getroffen, als die FED die Zinsen nochmals anhob und weiterhin den Eindruck steigender Zinsen vermittelte. So hat der Dezember 2018 im Alleingang das  Gesamtjahresminus von ca. 5.5% eingebracht.

Bedingt u.a. durch die dann folgende Umkehr der Notenbankpolitik rund um den Globus, angeführt von der FED, zeigt sich der REITs-Sektor seit Ende Dezember stark erholt mit einem Plus von knapp 11% im Jahr 2019. Trotz des rasanten Anstiegs und der Tatsache, dass die Januarerholung u.U. nach zu viel, zu schnell aussieht, liegt die Performance der letzte drei Monate nur bei 4.2%.

Der REIT-Markt ist nach den gängigen Parametern wie beispielsweise Immobilienwert zu Aktienwert oder dem Renditespread zwischen laufender Dividendenrendite und der „risikolosen“ Staatsanleihenrendete fair bewertet. Die Dividendenwachstumsaussichten sind nach wie vor intakt. So liegen z.B. die Leerstandszahlen bei zentralen Büroimmobilien z.B. in Tokyo, japanischen Regionalstädten und auch in Hong Kong auf historischen tiefen Niveaus – zum Teil deutlich unter 2% Leerstand.

Ein Umstand der REITs als Immobilienbestandshaltern bei Mietverlängerungen und besser noch bei Neuvermietungen in die Hände spielt, da sich in einem solchen Umfeld die Mieten je nach Markt zwischen 5 und 15% erhöhen lassen. Was unmittelbar zu entsprechend steigenden Dividenden führt. Die weltweit andauernde Tiefzinsphase hingegen befeuert weiterhin die Jagd nach Rendite der grossen Kapitalsammelstellen, wie z.B. Pensionskassen und Versicherungen, welche zig Milliarden an Commitments bei Private Equity Häusern wie z.B. Blackstone für Private Equity Real Estate Fonds abgegeben haben. Diese Gelder müssen früher oder später im Wettbieten mit zahlreichen Interessenten in physische Immobilien investiert werden.

Dieser Trend hat für REITs drei Folgen, zwei positiv und eine macht das Geschäft schwieriger:

1.) REITs können non-core Immobilien, welche für sie kein weiteres Potential bieten, zu sehr hohen Preisen verkaufen,

2.) handelt ein REITs, wie im Dezember 2018, deutlich unter dem Wert seines Immobilienwert, treten die PE Fonds auf den Plan und sind an einer kompletten Übernahme interessiert, um z.B. über ein De-Listing an die Immobilien zukommen, was dann den Aktienkurs wieder antreiben kann und

3.) REITs können im Wettbieten um neue Immobilien nicht mit anderen Käufergruppen mithalten, da sie aufgrund der Pflicht zur Ausschüttung der ordentlichen Erträge als Dividende kein Kapital auf der Bilanz haben und so stets neues Kapital aufnehmen müssen, welches sie von Investoren jedoch nur für wertsteigernde Zukäufe erhalten. D.h. ist der Kaufpreis für die Immobilie zu hoch, würde der REIT seine Investoren verwässern und Wert zerstören, so kann er nicht mehr höher bieten und sollte sowohl von der Kapitalerhöhung als auch diesem Zukauf absehen. Ein guter REIT wird stets so verfahren und im Interesse seiner bestehenden Investoren handeln.

Beitrag von Götz-Bodo Druschke, B&I Capital AG

Das Ende des Märchens von der Zinswende

Kolumne von Markus Steinbeis, geschäftsführender Gesellschafter der steinbeis & häcker vermögensverwaltung gmbh

Die Notenbanken beginnen zu zögern – das Ende des Märchens von der Zinswende

Der schwärzeste Dezember seit Jahrzehnten an den Kapitalmärkten im abgelaufenen Jahr hat die Notenbanken aufgeschreckt. Die Turbulenzen an den Börsen sowie in weiten Teilen sich deutlich abschwächende Konjunkturdaten werden nicht ohne Folgen bleiben. In den kommenden Monaten dürfen die Realwirtschaft sowie die Finanzmärkte wieder auf eine extrem üppige Liquiditätsversorgung hoffen. Jene Liquidität, welche die Zentralbanken den Märkten eigentlich durch Zinserhöhungen und Bilanzverkürzungen wieder entziehen wollten. Das Projekt „Zinswende“ ist erwartungsgemäß krachend gescheitert. Vielmehr scheinen die sogenannten Währungshüter langsam nervös zu werden. Bei weiteren Turbulenzen an den Kapitalmärkten und/oder konjunkturellen Rückschlägen werden sie in Panik geraten und wieder sämtliche Notenpressen anwerfen, um das System zu stabilisieren.

FED – die mächtigste Notenbank tritt auf die Bremse

Es war wohl eine der schnellsten verbalen Kehrtwenden in der Geschichte der US-Notenbank FED. Die Turbulenzen im US-Credit-Markt erreichten Anfang Januar ihren Höhepunkt, als der Renditeaufschlag von US-Hochzinsanleihen auf 500 Basispunkte über US-Staatsanleihen anstieg. Dieses Stresssymptom in Kombination mit dem deutlichen Einbruch der US-Aktienkurse von den Septemberhochs ließen FED-Chef Jerome Powell einknicken. Er kündigte an, von weiteren Zinserhöhungen erst einmal Abstand zu nehmen und „auf die Märkte zu hören“. Nur zwei Wochen nach seiner Zinserhöhung am 20. Dezember des vergangenen Jahres mit anschließender Pressekonferenz, in der er weitere Zinserhöhungen und einen Abbau der

Notenbankbilanz ankündigte, vollzieht er einen kompletten Kurswechsel. Nun spricht Powell nicht mehr von Zinserhöhungen, sondern nur noch von Anpassungen. Zudem will die FED die Notenbankbilanz weniger deutlich reduzieren als bislang angenommen. Im Oktober 2017 hat sie mit dem Abbau ihrer im Zuge der quantitativen Lockerung aufgeblähten Bilanz angefangen. Seitdem ist das Wertpapierportfolio der Notenbank um knapp 400 Mrd. Dollar geschrumpft. Marktteilnehmer sorgten sich zunehmend um die negativen Folgen dieser Normalisierung.

Als Begründung für sein Umdenken lieferte Powell eine Reihe von Faktoren: nachlassende konjunkturelle Dynamik in weiten Teilen der Welt, zunehmende politische Risiken sowie sich verschlechternde Finanzierungsbedingungen. All diese Faktoren waren schon Ende vergangenen Jahres mehr als offensichtlich (wir haben oft darüber berichtet). Vielmehr haben die Finanzmärkte der Notenbank die Grenzen aufgezeigt. Genauso wie seine Vorgänger ist auch Powell erpressbar. Die Kapitalmärkte haben ihm signalisiert: „bis hierher und nicht weiter“. Nur kommt diesmal noch erschwerend hinzu, dass der Notenbank-Chef auch noch von US-Präsident Trump regelmäßig Druck bekommt, die Zinsen zu senken. Die Unabhängigkeit der Notenbank besteht wahrscheinlich nur noch auf dem Papier.

Die amerikanische Wirtschaft ist unverändert extrem konsumabhängig. Dieser Konsum ist stark kreditfinanziert, aber auch von Vermögenspreisen wie Immobilien und Aktien abhängig. Somit ist die latente Angst nicht unbegründet, dass eine Schwäche an den Immobilien- und Aktienmärkten irgendwann auf die Realwirtschaft überschwappt. Die Entwicklung bei den Verkäufen bestehender Häuser gibt schon seit längerem Anlass zur Sorge.

Das Vorgehen der US-Notenbank ist somit nicht neu. Im Zweifel entscheidet sie sich für eine expansivere Ausrichtung, um Stabilität an den Finanzmärkten zu erreichen. Einmal mehr hat sich damit bestätigt, dass die großen Volkswirtschaften bei einer Verknappung der Liquiditätszufuhr mit Entzugserscheinungen zu kämpfen haben. Die nominalen Verschuldungsniveaus sind mittlerweile in der Breite einfach zu hoch, sodass marginale Zinserhöhungen bereits zu einem deutlichen Anstieg der Zinsbelastung führen. Genau aus diesem Grund haben wir die Debatte über eine Zinswende immer als Phantomdiskussion ohne Substanz bezeichnet. Die Wahrscheinlichkeit für Zinssenkungen im Laufe des Jahres ist deutlich gestiegen.

Kann die Eurozone eine tiefe Rezession vermeiden?

Noch konnte das Schlimmste vermieden werden, aber das marginale Wachstum der Eurozone im vierten Quartal 2018 von 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal gibt wenig Anlass zur Beruhigung. Ganz im Gegenteil: Die bis zuletzt gefallenen Stimmungsindikatoren deuten darauf hin, dass sich die Wachstumsdynamik sogar weiter abgeschwächt hat. Die Entwicklung der IFO-Geschäftserwartungen spiegelt den Ernst der Lage wieder. Auffallend und gleichzeitig besorgniserregend gestaltet sich hierbei die Situation Italiens. Das Land befindet sich mittlerweile in einer tiefen Rezession. Weite Teile der Wirtschaft waren und sind weiterhin nicht international wettbewerbsfähig, die populistische Regierung lässt jegliche haushaltspolitische Verantwortung vermissen und ein bankrottes Bankensystem lastet wie ein Damoklesschwert über Wirtschaft und Gesellschaft. Ein toxischer Cocktail, der sich da südlich des Brenners zusammenbraut und die Eurozone auf Jahre hinaus belasten dürfte.

Aber auch der einstige Musterknabe Deutschland kommt derzeit ins Straucheln. Als die Chefin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, im Januar in Davos ihre neue Prognose für die Weltwirtschaft vorstellte, machte sich Ernüchterung breit. Sie zählte fünf Länder auf, die mit ihrer schlechten Performance das globale Wachstum in diesem Jahr dämpfen würden. Dass sie dabei Mexiko und die Türkei erwähnte, kam nicht wirklich überraschend. Dass Frankreich und Italien dabei waren, war auch nicht ganz unerwartet. Die Überraschung aber war: Die größte Revision nach unten nahm der IWF für Deutschland vor. Die Wachstumsrate für 2019 wurde hier um mehr als einen halben Prozentpunkt zurückgenommen: Von 1,9 Prozent auf 1,3 Prozent. Ähnlich vorsichtig präsentiert sich mittlerweile die Politik: Im neuen Jahreswirtschaftsbericht erwartet die Bundesregierung nur noch ein Wachstum von 1,0 Prozent für 2019. Vor wenigen Monaten war sie noch von 1,8 Prozent ausgegangen. Europas Wachstumsmotor fährt noch, aber er stottert. Es besteht deshalb kein Grund zur Panik, aber zu erhöhter Wachsamkeit.

Die Bundesrepublik wurde damit zum Bremsklotz der Weltwirtschaft degradiert. Natürlich gibt es dafür viele Ursachen, der entscheidende Belastungsfaktor liegt aber in der Automobilindustrie. Laut dessen Verband VDA brach der Output der PKW-Produktion im Januar 2019 um knapp 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat ein. Es ist der dritte Rückgang in Folge in der deutschen Schlüsselindustrie. Der Dieselskandal und die Einführung des neuen WLTP-Verfahrens zur Abgasmessung von Autos dürften dabei eine bedeutende Rolle spielen. Letzteres hat sehr viel länger gedauert, als die Fachleute vermutet hatten. Es ist auch bis jetzt noch nicht abgeschlossen. Sollte sich der Absturz der Autobauer fortsetzen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis unsere einstige Paradeindustrie die Gesamtwirtschaft zum Fallen bringt. Es besteht die Gefahr eines volkswirtschaftlichen Domino-Effekts mit einer negativen Kettenreaktion bei unzähligen kleinen und mittelständischen Betrieben.

Über 800.000 Menschen arbeiten in Deutschland bei den Automobilherstellern und deren Zulieferern. Doch das ist nicht alles: Mehrere Studien kommen zu dem Schluss, dass hierzulande etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt von der Autoproduktion abhängig sind. Beispielhaft seien die Städte Wolfsburg, Ingolstadt und Stuttgart erwähnt. Wie dramatisch die Lage am deutschen Automobilmarkt eingebrochen ist zeigen auch jüngst die Unternehmensergebnisse der großen Hersteller und Zulieferindustrien.

Dennoch wäre es aus heutiger Sicht noch zu früh, eine tiefe Rezession in unserem Währungsraum zu prognostizieren, auch wenn die Gefahren zunehmen. Die Probleme in der Automobilindustrie sollten sich im weiteren Jahresverlauf etwas abschwächen. Dies verbessert die Wachstumsaussichten in den kommenden Monaten spürbar. Für eine Stabilisierung der Konjunktur lauern aber noch einige Gefahren: die anhaltende Schwäche der chinesischen Wirtschaft, der Handelskonflikt zwischen den USA und China und das Risiko eines harten Brexits. Es gibt aber gute Anzeichen dafür, dass uns von diesen drei Brandherden in den kommenden Wochen positive Nachrichten erreichen.

Weiterhin unverändert vorsichtiges Agieren an den Kapitalmärkten ratsam

Trotz der teilweisen Erholung an den internationalen Finanzmärkten im Januar bleiben wir bei unserer defensiven Grundausrichtung. Dividendenstarke Aktien aus wenig konjunktursensitiven Branchen, Anleihen von bonitätsstarken Emittenten sowie Edelmetalle sind in unseren Portfolien weiterhin prominent gewichtet. Insoweit behalten die detaillierten Ausführungen des vergangenen Monatsreports ihre volle Gültigkeit.

Kursrückgänge bieten aber auch Chancen. Nach den teils panikartigen Verkäufen im vergangenen Jahr notieren die Aktien vieler erstklassiger Unternehmen wieder auf äußerst attraktiven Bewertungsniveaus. Insbesondere in Europa gab es teils völlig überzogene Abschläge bei kleinen und mittleren Unternehmen. So ist sie die Börse, sie neigt zu Übertreibungen in beide Richtungen. Zwischendurch spielen die Kurse verrückt. Kurseinbrüche von 50 Prozent und mehr waren keine Seltenheit. Kurzfristig ist das Geschehen an der Börse oft irrational, langfristig ist sie aber sehr rational.

Genau daraus entstehen Opportunitäten. Es ist an der Zeit, den europäischen und deutschen Mittelstand wieder sehr genau zu analysieren und die Perlen Stück für Stück einzusammeln. Viele Weltmarktführer sind derzeit mit einem deutlichen Bewertungsabschlag zu haben. Große Schwankungen an den Kapitalmärkten sind also nicht nur Risiko, sondern bieten vor allem auch Chancen.

 

Deutlicher Kursrückgang an den Aktienmärkten im Oktober

Von Markus Steinbeis, geschäftsführender Gesellschafter der steinbeis & häcker vermögensverwaltung gmbh

Der Oktober war von deutlichen Kursrückgängen an den internationalen Aktienmärkten geprägt. Globale Aktien verloren etwa 9 Prozent an Wert und markierten damit den schlechtesten Monat seit Februar 2009. In den vergangenen Monaten dieses langen Börsenaufschwungs waren bereits einige Überhitzungserscheinungen und Risikofaktoren zu beobachten, die uns etwas vorsichtig werden ließen (siehe vergangene Marktberichte). Insbesondere die hohe Positionierung vieler Marktteilnehmer im US-Technologiebereich gab immer wieder Anlass zur Sorge. Keine Frage, die Geschäftsaussichten der sogenannten FANG-Aktien (Facebook, Amazon, Netflix, Google) und anderer Technologiewerte sind unbenommen gut bis ausgezeichnet. Aufgrund der positiven Wertentwicklung dieser Titel entstand aber eine euphorische Stimmung bei vielen Anleger. Die Umsatz- und Gewinnerwartungen wurden zusehends optimistischer und ließen kaum Raum für Enttäuschungen. Werden dann Erwartungen nicht erfüllt und sind Anleger extrem hoch in diesen Wertpapieren engagiert, kann es zu deutlichen Kursverlusten kommen. Fallen diese Werte unter wichtige Kursniveaus, werden aggressive Positionierungen von Fonds weiter reduziert und die Abwärtsdynamik verstärkt sich. So geschehen im Oktober.

Mittlerweile sind Technologieaktien in den jeweiligen Indizes von hoher Bedeutung. In den USA hat der Sektor im breiten S&P 500-Index mit knapp 21 Prozent die mit Abstand höchste Gewichtung. Kein Wunder also, dass ein Abverkauf dieser Werte die globalen Aktienindizes stark in Mitleidenschaft zieht. Leider sind auch weitere Belastungsfaktoren in den vergangenen Wochen nicht verschwunden. So befinden sich die Renditen in den USA weiterhin im Aufwärtstrend und erreichten bei zehnjährigen Staatsanleihen mittlerweile mehr als 3,2 Prozent. Ebenso drückt der Handelsstreit zwischen den USA und China unvermindert auf das Gemüt der Anleger. Lange Zeit hat dies den Aktienmarkt, insbesondere in den USA, nicht belastet. Mittlerweile haben aber einzelne Unternehmen, die stark vom asiatischen Handel abhängig sind, von einer schwächeren Nachfrage berichtet. Vereinzelt waren auch Unternehmensberichte von Konzernen aus zyklischen Branchen wie Automobil, Chemie oder Industrie unter den Markterwartungen. Letzteres nur auf die Handelsstreitigkeiten zu reduzieren, wäre zu kurz gesprungen. Vielmehr kündigt sich auf globaler Ebene eine abkühlende Konjunkturdynamik an. Kein Wunder also, dass sich Unternehmen mit konjunktursensiblen Geschäftsmodellen nunmehr seit einiger Zeit schlechter entwickeln als die breiten Aktienindizes.

Die Kursrückgänge im Oktober waren bemerkenswert in Bezug auf das Ausmaß, das Aufeinanderfolgen von schwachen Handelstagen und das synchrone Fallen aller wichtigen Märkte. Die Marktkapitalisierung aller weltweit gehandelten Aktien hat sich in Konsequenz im Oktober deutlich reduziert.

Die Risikoaversion vieler Anleger dürfte sich in den kommenden Monaten erhöhen

„Deutlicher Kursrückgang an den Aktienmärkten im Oktober“ weiterlesen

Divergenz zwischen USA und dem Rest der Welt

Von Markus Steinbeis, geschäftsführender Gesellschafter der steinbeis & häcker vermögensverwaltung gmbh

Das makroökonomische Umfeld und die Entwicklung an den Kapitalmärkten in 2018 unterscheidet sich weiterhin grundlegend vom Vorjahr. Zwar wird die Weltwirtschaft mit über 3,5 Prozent ähnlich stark wachsen wie 2017, die Bewegung erfolgt aber nicht mehr weltweit synchron. Auch an den Aktienmärkten könnten die Kursverläufe kaum unterschiedlicher sein. Während die amerikanischen Indizes in der Nähe ihrer historischen Höchststände notieren, weisen nahezu alle anderen Aktienmärkte seit Jahresanfang teils deutliche Verluste auf. Besonders prekär stellt sich die Situation in den Schwellenländern dar. War die Frage noch am Jahresanfang, ob die Kapitalmärkte dieser Region von einer Korrektur der US-Aktien betroffen wären, sehen sich die Anleger heute einer Situation gegenüber, in der die Kurse an den dortigen Kapitalmärkten deutlich einbrechen, obwohl der Börsenboom in den USA ungebrochen anhält. Letzteres ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass der Aufschwung trotz einer restriktiver werdenden Notenbank mit bisher zwei Zinserhöhungen in 2018 und potentiell zwei weiteren Schritten im restlichen Jahresverlauf voranschreitet.

Die US-Konjunktur zeigt sich weiterhin stark – zumindest quantitativ

Wie lässt sich eine derart gegensätzliche Entwicklung an den Aktienmärkten erklären? Neben einer Vielzahl von Gründen stechen unseres Erachtens drei Faktoren heraus. Der erste ist die unglaubliche Kursentwicklung der US-Hightech-Aktien. Außer vielleicht in China gibt es weltweit keine vergleichbaren Unternehmen. Nahezu der komplette Anstieg des breiten S&P 500 Index in 2018 lässt sich auf den Technologiebereich zurückführen, der in diesem Index bereits mit über 25 Prozent gewichtet ist. Microsoft alleine ist weit mehr wert als der gesamte indische Aktienmarkt, Facebook wird höher bewertet als alle russischen Aktien zusammen. Vor kurzem haben mit Apple und Amazon erstmals zwei Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von jeweils über eine Billion USD eine Schallmauer durchbrochen. Trotz aller positiven Aussichten der Unternehmen, stellt sich für uns die Frage, ob diese Bewertungen mittlerweile nicht blasenartige Züge annehmen. Dass es in der Euphorie keinen Platz für Enttäuschungen gibt, zeigte die Reaktion der Anleger auf die jüngsten Quartalsergebnisse von Facebook. Trotz eines Umsatzanstiegs von 40 Prozent fiel der Kurs innerhalb kurzer Zeit um 20 Prozent – Investoren hatten mehr erwartet. Zwar dauern Übertreibungen an der Börse oft länger als vermutet, aber nach den unglaublichen Aufwärtsbewegungen steigt die Anfälligkeit für Gewinn- und Umsatzenttäuschungen. In den zukünftigen Kurseinbrüchen werden sich viele Chancen ergeben, um in diese attraktiven Geschäftsmodelle zu investieren.

Der zweite Faktor liegt in der unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklung zwischen den USA und dem Rest der Welt. In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres konnte das europäische Wachstum die Erwartungen noch übertreffen, auch China befand sich in einem robusten Aufwärtstrend. Beide Wirtschaftsregionen haben den Wachstumspfad zwar noch nicht verlassen, senden aber erste Schwächesignale. Darüber hinaus geht wieder die Angst der Anleger in einigen Schwellenländern um. Die bevorstehende Wahl in Brasilien, die Turbulenzen in Argentinien und Venezuela sowie die sich verstärkende Krise in der Türkei schüren die Sorge vor einer weltweiten Ansteckung. Wir werden aber nicht müde zu betonen, dass das zweifellos quantitativ hohe Wachstum der USA von äußerst schlechter Qualität und somit nicht nachhaltig ist. Kurzum, es basiert auf einem hohen Budgetdefizit. Ein Aufschwung auf Pump also. So stieg die US-Neuverschuldung im laufenden Jahr bis Mitte August von 20.492 Mrd. USD auf über 21.400 Mrd. USD. Ein Anstieg von knapp einer Billion USD in kurzer Zeit. Was ist also ein mögliches US-Wachstum von 3 Prozent bei einem Budgetdefizit von 5 bis 6 Prozent wert? Leider wird diese Frage in den Medien kaum gestellt. Nebenbei sei die Bemerkung erlaubt, dass die Wachstumsrate des zweiten Quartals von 4,2 Prozent ein Ausreißer nach oben bleiben sollte. In Antizipation der von der US-Regierung verhängten Importzölle haben viele US-Unternehmen ihre Läger im Vorfeld noch einmal kräftig aufgefüllt.

In der Entwicklung des US-Dollars sehen wir den dritten wichtigen Faktor. Die jüngste Aufwertung des Greenbacks, unterstützt von der (quantitativen) Stärke der US-Konjunktur und den damit verbundenen Aussichten für Zinsanhebungen führten zu einem fast 10 prozentigen Anstieg des Dollar Index (= Index, der die Wertentwicklung des US-Dollars gegen einen breiten Währungskorb misst) seit Februar 2018. Das ist vordergründig für die meisten entwickelten Volkswirtschaften ein Vorteil, da diese über ausreichende inländische Ersparnisse verfügen und eine schwache Währung die Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie verbessert. Für viele Volkswirtschaften der Schwellenländer, die auf den Zufluss ausländischen Kapitals angewiesen sind, bereitet eine schwache heimische Währung oft aber große Schwierigkeiten bei der Rückzahlung von Fremdwährungskrediten (meist USD-denominiert). Davon sind Regierungen genauso betroffen wie Unternehmen.

Die Krise in den Schwellenländern weitet sich aus

Die Verwerfungen in einigen Schwellenländern wie Argentinien und Türkei werden zusehends dramatischer. Eine hohe Verschuldung (meist in Fremdwährung) in Kombination mit einem Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit bilden derzeit einen giftigen Cocktail. Kommen dann noch politische Unzulänglichkeiten dazu und wird die Unabhängigkeit der Zentralbank öffentlich in Frage gestellt, ist das Chaos perfekt. In vielen Regionen sind in den letzten Jahren die Schulden kräftig gestiegen. Von 2007 bis 2017 wuchsen die Kredite der Schwellenländer von 145 Prozent auf 210 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Problematisch wird es dann, wenn ein hoher Anteil dieser Schulden in Fremdwährung denominiert ist und die eigene Währung gegenüber der Verschuldungswährung unter Druck gerät sowie die (US-)Zinsen steigen. Genau das passiert gerade. Da viele Länder Fremdwährungsschulden zwischen 20 und 50 Prozent des BIP aufweisen, eskaliert die Situation im Augenblick. Während beispielsweise die Verschuldung in Ländern wie Südafrika, Russland und Mexiko beherrschbar erscheint, befinden sich Argentinien und die Türkei wohl schon inmitten einer Bilanzkrise. Allerdings werden diese beiden Länder die Weltwirtschaft nicht nachhaltig beeinflussen, dafür ist ihr Anteil zu klein. Es besteht aber die berechtigte Sorge vor Ansteckungsgefahren. Sollten die Refinanzierungskosten aufgrund von Vertrauensverlusten für weitere Länder dauerhaft ansteigen und sich gleichzeitig der Währungsverfall fortsetzen, wird die Entwicklung gefährlich. Dann sind eben Argentinien und die Türkei keine Sonderfälle mehr und andere Länder kommen ebenfalls unter Druck. Wer genau hinsieht, kann dafür erste Anzeichen erkennen.

Weiterhin defensive Strategie

Was bedeutet das alles für unsere Strategie in den kommenden Wochen? Trotz der Höchststände bei US-Aktien fühlen wir uns etwas unwohl. Vieles passt nicht zusammen. Die schwache Verfassung einiger Anleihemärkte und die Turbulenzen bei Schwellenländer-Währungen mahnen uns weiter zur Vorsicht. Wenn die Währungsmärkte wie so oft die Funktion von Frühindikatoren einnehmen, dann stehen uns eventuell in den nächsten Wochen noch größere Schwankungen bevor. Einige Aktienmärkte befinden sich bereits in einem deutlichen Abwärtstrend, allen voran China. Anscheinend werden kurzfristig einige Gegenwinde (siehe Marktkommentar August) zu stark. Allen voran die restriktivere Haltung der US-Notenbank und eine Anzahl von politischen Spannungen, wie der Handelskonflikt zwischen der USA und dem Rest der Welt, bilden zunehmend ein herausforderndes Umfeld für Investoren. Insbesondere die Handelsstreitigkeiten könnten sich noch einmal zuspitzen, bevor sich die Lage entspannt. Sollte der bislang starke US-Aktienmarkt in eine, wenn auch nur temporäre Korrekturphase übergehen, wird das nicht folgenlos für die vielerorts eh schon angeschlagenen weltweiten Märkte bleiben. Diese Schwankungen würden wir als Chance sehen, um in attraktive Unternehmen, insbesondere in Europa, zu investieren. Hier hat sich die Erwartungshaltung der Anleger in der jüngsten Vergangenheit deutlich abgekühlt. Die Wahrscheinlichkeit für negative Überraschungen ist damit deutlich gesunken. Die meisten europäischen Volkswirtschaften liefern immer noch moderates, aber stabiles Wachstum. Viele erstklassige Unternehmen bieten nach den schwierigen ersten acht Monaten dieses Jahres wieder attraktive Bewertungen und stabile Dividendenerträge. Eine Diskontierung der weltweiten Risiken und Gefahren ist derzeit ausschließlich an den Kapitalmärkten außerhalb der USA zu beobachten. Wir haben dies in unserer jahrzehntelangen beruflichen Laufbahn in dieser Form noch nicht erlebt. Das immer noch starke Weltwirtschaftswachstum wird sich in den kommenden Monaten positiv in den Umsätzen und Gewinnen niederschlagen. Dies hat der amerikanische Aktienmarkt eingepreist, nicht aber die Märkte in Europa und Asien. Aus strategischer Sicht werden wir im Aktienmarkt investiert bleiben und unsere Positionen bei Kursrückgängen wieder ausbauen. Es wird in den kommenden Wochen aus unserer Sicht darauf ankommen, geduldig auf die Chancen zu warten.

Von Markus Steinbeis, geschäftsführender Gesellschafter der steinbeis & häcker vermögensverwaltung gmbh